Biodiversität achten

Algen statt Soja: die grüne Revolution im Futtertrog.

Was nach Zukunftsmusik klingt, könnte bald auf Schweizer Bauernhöfen wachsen: heimische Mikroalgen als Eiweissquelle für Nutztiere. Realisiert wird das Projekt «Algafeed» von Agroscope. Wir von Lidl Schweiz unterstützen das Forschungsprojekt finanziell.

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Eiweiss ohne Weltreise

Soja ist aufgrund des hohen Eiweissgehalts ein wichtiger Teil der Tiernahrung. Die Schweiz importiert jährlich rund 250’000 Tonnen – über 90 % davon landen im Futtertrog.* Grosse Anbauflächen, energieaufwendige Verarbeitung und lange Transportwege werfen die Frage auf: Gibt es eine heimische, ökologischere Alternative?


Klein und effizient

Die Lösung: Mikroalgen. Die winzigen Wasserorganismen nutzen Licht, Nährstoffe und CO₂, um wertvolle Biomasse zu bilden. Sie könnten künftig das ersetzen, was heute importiertes Soja liefert. 

Die Ökobilanz ist beeindruckend: Mikroalgen brauchen weniger Wasser als Soja, kein Ackerland, keine Pestizide. Zudem liefern sie pro Hektar 30-mal so viel Eiweiss. Gezüchtet werden sie in geschlossenen Tanks direkt auf dem Hof.


Erfolgreicher Geschmackstest

Die Forschungsanstalt Agroscope hat aus über 150 Algenarten eine Handvoll Top-Performer identifiziert – und sie scheinen zu schmecken: In ersten Versuchen mit Hühnern, Schweinen und Schafen zogen die Tiere das grüne Futter dem herkömmlichen mit Soja sogar vor – ohne Einbussen bei Fleisch- oder Milchqualität.


Verantwortung beginnt vor dem Regal

Seit Beginn des Projekts 2021 unterstützen wir von Lidl Schweiz das Algenprojekt von Agroscope jährlich mit CHF 50’000.–. Der Grund liegt in der eigenen Futtermittelstrategie: Entlang der gesamten Wertschöpfungskette wollen wir verantwortungsvoll mit Ressourcen umgehen – von der Herstellung unserer Produkte über die Weiterverarbeitung und den Transport bis hin zum Recycling. «Der Ersatz von Sojaprodukten durch das Fördern von Mikroalgen für heimische Tiernahrung ist Bestandteil dieser Strategie», sagt Nadja Hauser, Head of CSR bei Lidl Schweiz. Das Projekt zahlt dabei auf gleich zwei zentrale Handlungsfelder der CSR-Strategie ein: Klima schützen und Biodiversität achten.


Aus dem Labor auf den Bauernhof

Bis 2030 sollen 30 Schweizer Pilotbetriebe hofeigene Algen produzieren. Bei rund 47’000 Landwirtschaftsbetrieben ist das zwar erst der Anfang – aber ein wichtiger erster Schritt. Jede eingesparte Portion Soja macht die Tierfütterung regionaler, unabhängiger und ressourcenschonender. Die grüne Revolution beginnt leise – aber sie wächst.

* SRF, «Futtermittel aus Europa statt aus Brasilien», 17.05.2025

Beitrag von CHF 50’000.– pro Jahr

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«Mikroalgen sind klein, ihr Potenzial ist riesig.»

— Dr. Fabian Wahl, Leiter des strategischen Forschungsbereichs Mikrobielle Systeme von Lebensmitteln

Futtermittel aus Mikroalgen? Fabian Wahl ist Teil des Forschungsteams Agroscope. Im Interview spricht er über kleine Organismen mit grossen Chancen, neugierige Tiere – und über die Frage, was Forschung leisten muss, damit die Idee auf dem Bauernhof tatsächlich funktioniert.

Fabian, was macht Mikroalgen für dich so faszinierend? Algen haben vor drei Milliarden Jahren die Fotosynthese erfunden. Wir können auf der Erde nur leben, weil es Mikroalgen gibt. Sie sind extrem effizient: Aus CO₂, Wasser und Sonnenlicht bauen sie Biomasse und als Nebenprodukt Sauerstoff auf. Proteine, Omega-3-Fettsäuren oder Lipide – sie können viele Bausteine für gesunde Lebensmittel hocheffizient herstellen. Dafür brauchen sie kein Ackerland und kaum Wasser, ausgerechnet die knappsten zwei Ressourcen der Lebensmittelproduktion.

Trotzdem denkt man bei Algen oft eher an glitschige Steine als an Zukunftstechnologie. Was überrascht Menschen am meisten, wenn du von deiner Arbeit erzählst? Die enorme Bedeutung dieser kleinen Organismen. Obwohl sie so unscheinbar sind, machen sie wahrscheinlich den grössten Anteil an Biomasse auf unserem Planeten aus – mit der höchsten genetischen Diversität. Und wir nutzen sie kaum. Phytoplankton im Meer ist nur 1 % der marinen Biomasse, ist aber für rund 50 % des Sauerstoffs in unserer Atmosphäre verantwortlich.

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Die Mikroalgen zirkulieren in Bioreaktoren und wachsen so mit Licht, Nährstoffen und CO₂ kontrolliert heran.

Ihr untersucht Algen auch als Proteinquelle. Wie schneiden sie im Vergleich zu Soja ab? Entscheidend ist, wie die Aminosäuren verteilt sind. Mikroalgen sind dabei sehr gut und in der Bioverfügbarkeit vergleichbar mit Sojaprotein. Die beste der untersuchten Arten besteht in der Trockenmasse etwa zu 65 % aus Eiweiss. Sie braucht keine Wurzeln, Blätter oder Fruchthüllen – sondern ist direkt verwertbare Masse. Zudem nutzen wir die ganze Biomasse inklusive Antioxidantien und Lipiden.

Nicht jede Alge eignet sich automatisch als Futtermittel. Wie findet ihr heraus, welche infrage kommt? Wenn wir sie isoliert und aufgereinigt haben, sequenzieren wir ihr Genom. So können wir abschätzen, ob sie sich als Proteinquelle oder Omega-3-Lieferant eignet. Gleichzeitig prüfen wir mögliche Risiken: Können sie Toxine bilden? Solche Algen sortieren wir aus. Je nach Nährstoff produziert dieselbe Spezies unterschiedliche Substanzen: mit Stickstoff eher Eiweiss, ohne Stickstoff eher Omega-3-Fettsäuren.

Und wenn die Alge im Labor vielversprechend aussieht: Fressen Tiere diese dann auch wirklich? Das war eine der ersten Fragen. Am Ende unserer Studien haben wir jeweils geprüft: Bevorzugen die Tiere klassisches Futter oder jenes mit Algen? Ganz am Anfang haben wir mit der ETH getestet, ob Algen überhaupt gefressen werden. Am Ende bevorzugten die Tiere sogar das Algenfutter.

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Versuche zeigten: Tiere ziehen das Algenfutter dem herkömmlichen mit Soja vor.

Klingt, als wäre weniger die Akzeptanz das Problem als die Umsetzung auf dem Hof. Wo liegen die grössten Hürden? Der grössere Flaschenhals liegt bei der Produktion. Wir brauchen ausreichend grosse Reaktoren, um genügend Biomasse zu gewinnen. Gleichzeitig arbeiten wir an modularen Containerlösungen, die auf dem Hof installiert werden können. Wichtig ist auch die Ausbeute von Volumen und Zeit: Wir müssen pro Zeiteinheit mehr Masse erzielen, damit das System wirtschaftlich mithalten kann. Gerade bei Futtermitteln ist der Kostendruck hoch. Auch wenn etwas wissenschaftlich spannend ist und für die Tiere funktioniert: Wenn es am Ende zu teuer ist, bringt es nichts.

Spannend ist auch, dass Algen Nebenströme aus der Lebensmittelproduktion nutzen können. Wie sieht das konkret aus? Wir haben das Potenzial von Blanchierwasser aus der Pommes-Herstellung untersucht. Darin steckt viel Stärke, die Algen verwerten können. So entsteht Protein für den Landwirt nebenan und im Abwasser blieb kaum noch Kohlenstoff zurück. Auch Molke aus der Käseproduktion ist interessant, weil sie Laktose enthält, die die Algen ebenfalls aufnehmen können.

Wenn du auf das Projekt schaust: Was passiert als Nächstes? Wir testen das modulare Containerkonzept, führen Tierversuche weiter und optimieren den Prozess, damit wir pro Zeiteinheit mehr Biomasse gewinnen. Die Algensammlung ist auf einem guten Stand. Jetzt geht es darum, effizienter zu werden.

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